Tschäggättä

Die Tschäggättä (Singular Tschäggatta)

 

Die für das Lötschental typischen, maskierten Fastnachtsgestalten, die sogenannten Tschäggättä, treten in der Zeit zwischen dem katholischen Feiertag «Maria Lichtmess» (2. Februar) und dem Aschermittwoch auf. Insoweit man sich noch an die Tradition hält, sind sie nur vorn Mittag- (um 12.00 Uhr) bis zum Abendläuten (gegen 19.00 Uhr) zu sehen.

Text_TschäggataWährend sich bis nach dem 2. Weltkrieg nur ledige, volljährige Burschen als Tschäggättä verkleideten, sind es heute auch jüngere und verheiratete. Der Brauch hat sich auch insofern verändert, als die Tschäggättä fast ausschliesslich nur mehr am Samstagnachmittag anzutreffen sind, die Zeit vom «Feisten Frontag» bis zum Aschermittwoch ausgenommen. Der Grund liegt darin, dass heute die jungen Männer meistens in

einem Angestelltenverhältnis stehen und darum – im Gegensatz zu früher – weniger Freizeit haben. Übrigens: Am Sonntag ist es verboten, zu tschäggättun (als Tschäggätta umherzulaufen).

Die Tschäggättä formieren sich im Normalfall nicht und bilden auch keine organisierten Gruppen: Jeder geht während der eben beschriebenen Zeit tschäggättun, wann und solange es ihm beliebt. Man findet die Tschäggättä einzeln oder in Gruppen, teilweise mit lautem Kuhglockenlärm rennend, teilweise heimlich schleichend. Sie sind in erster Linie darauf bedacht, den Schulkindern und Töchtern – heute auch den Touristen – Respekt beizubringen und Angst einzuflössen.

Die Tschäggättä tragen alte, umgestülpte Kleider, das Futter nach aussen gekehrt. Darüber hängen zwei Schaf- oder Ziegenfelle je über Rücken und Brust, in den Lenden zusammengehalten durch einen Ledergürtel, an dem meistens eine Kuhglocke («Trichla») baumelt. Die Füsse stecken nicht selten in Säcken, die um die Beine gebunden werden um die Wildheit der Kleidung zu steigern, aber auch um zu verhindern, dass die Maskenträger an den Schuhen oder an den Spuren der Schuhsohlen im Schnee erkannt werden können. Die Tschäggättä tragen Handschuhe, früher jeweils aus «Triäm» (Garnresten, die im Weberkamm übrig bleiben) hergestellt. Diese werden manchmal in Russ getaucht, um die «Opfer» schwärzen zu können. Eine übergrosse, fratzenhafte und bisweilen grellbemalte Larve (Maske) aus Arvenholz, das Hinterhaupt mit Ziegen- oder Schafpelz bedeckt und manchmal ein Stock vervollständigen das Kostüm. Heute trifft man auch Tschäggättä, die nicht mehr die volle, eben beschriebene Originalkleidung tragen.

Der Name «Roitschäggätta»

Die Einheimischen verwenden heute meistens die Abkürzung Tschäggätta (Plural Tschäggättä). Der Name «Roitschäggätta» dürfte älter sein. Tschäggättä‘ nennt man sie wohl wegen ihrer gescheckten Verkleidung aus schwarzen und weissen Schaf- und Ziegenpelzen, «Roitschäggättä», weil sie nach altem Kinderglauben aus dem Rauchfang kommen («Roich» = Rauch).
Die ersten schriftlichen Aufzeichnungen vom Tschäggättun finden sich im Pfarrarchiv von Kippel. Sie stammen von Prior Gibsten, der von 1864 bis 1876 in Kippel war. Er hat dieses unchristliche Maskieren «Scheggeten» mit einer Busse von 50 Rappen an die Kirche belegt. Forscher sind aber der Ansicht, das Brauchtum müsse schon viel früher existiert haben.

Deutung der Masken

Die Frage nach dem Ursprung der Tschäggättä wird wohl nie mit Sicherheit beantwortet werden können. Es gibt vor allem folgende drei Erklärungsvarianten:

  1. Im Jahre 1550 kam es im Wallis zu einem Volksaufstand, dem sog. Trinkelstierkrieg. Damals sollen sich die Aufständischen wie die heutigen Tschäggättä maskiert haben, um nicht erkannt zu werden.
  2. Die Tschäggättä haben wie viele andere (heidnische) Frühlingsbräuche den Zweck, den Winter und die bösen Geister zu vertreiben.
  3. Es könnte auch eine Räuberbande, die sogenannten Schurtendiebe, der Ursprung des Brauchtums sein. Diese lebte in grauer Vorzeit, nach einer andern Variante, im 15. Jahrhundert, in einer Waldlichtung auf der Südseite des Tales. Von hier aus machten sie von Zeit zu Zeit – unter dem Schutz verhüllender Masken – Raubzüge in die Dörfer.

Aufgenommen in diese Bande wurde nur, wer mit einer schweren Bürde bei des «Gsellisch Chinn», einer schmalen Stelle westlich von Blatten, die Lonza zu überspringen vermochte.